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meine kindheit war geprägt von unzähligen wiedergaben weniger songs. ein text über die liebe zum repeat-modus und wie mir meine eltern dahingehend einiges voraus hatten

im wohnzimmer stand der tower – „da turm“, wie wir ihn nannten. die gerätschaft konnte so friedlich aussehen in seinem eichenhölzernen schrank mit den zwei verschliessbaren türen, die nie verschlossen wurden. wie in einem flügelaltar battelten sich darin der turm und der fernseher um die vorreiterrolle in sachen sinnzulaufstelle der familie, während spitzendeckchen die harte kluft zwischen landhausstilmöbel und state-of-the-art-technikkram ein wenig abzudämpfen versuchten.

mit 10 war ich einmal sonntags bei der coolen schulkollegin ein haus höher eingeladen gewesen. betonung auf einmal. es lief zunächst gut. ich war gagig drauf mit nachbarskind l.; wir lachten, als sie mir am villalangen balkon demonstrierte, wie ihr bruder und sie regelmäßig kirschkerne auf unser rotes bungalowdach spuckten.

plötzlich bemerkten wir, dass aus derselben blickrichtung konstant musik ertönte. immer wieder das gleiche lied bei maximaler lautstärke. ich zählte meinen albtraum eins zu eins zusammen: track 1 von der bravo hits 13 hatte meine adresse… „coco jamboo“ von mr. president befand sich im repeatmodus und höllerte von uns aus durch das ganze tal (!)

turm-a_©stefanringelschwandtner
©SR

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leider hatte auch l. richtig kombiniert:
„ sog amoi, wos ist’n do bei eich los? deine ötan spiel’n jo imma wieda des gleiche! spinnan de?“ ich verneinte weder noch bejahte, machte diese ganz lang gezogenen lippen – ohne sound. mein patentgesicht für konflikte, das nichts beitrug, außer lautlos für das skippen des aktuellen themas zu plädieren.

als ich später an diesem tag wieder heimkam, sagte ich zu meinem vater (wohlgemerkt so wenig vorwurfsvoll wie möglich) : „du papa, da l. is a aufgefoi’n, dass ihr so oft coco jamboo gespüt hobt’s.“ er hörte auch die wenigen vorwürfe nicht, wirkte eher noch stolzer ob dieser info und meinte nur zu mir: „ sogst ihr morg’n, 35 moi homa’s gspüt.“

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