
GERÄTE
#2 tamagotchi
ein text über das eingehen unratsamer emotionaler bindungen mit vergänglichen techniktrends
das tamagotchi schlief auf dem nachttisch. oder besser gesagt, auf dem untersten regalbrett meines weißen wandverbaus, aus dem auch mein einzelbett mündete.
aus diesen baulichen gründen sozusagen trohnte es direkt über meinem kopf, weswegen ich manchmal beim einschlafen überlegte, wer hier eigentlich von wem das haustier war.
rückblende. wenn ich ein neuen trend besonders dringend besitzen wollte, war meine kindliche strategie von 11 Jahren umso nebensächlicher davon zu sprechen.
als das schaufenster des spielwarengeschäfts also näher und näher rückte, operierte ich ganz nach plan und fragte meine mutter fast schon gelangweilt, ob sie „glaube“, dass es hier „diese sogenannten tamagotchis“ geben könne.
trotz meines schlechten laienschauspiels (oder gerade deswegen) öffnete sie die ladentür und erkundigte sich für ihr schüchternes kind nach dem japanischen spielzeug. die gute nachricht war: ja, es gab tamagotchis; die schlechte: leider keine originalmodelle mehr.
wohlwissend, dass meine euphorie für gewisse neuanschaffungen, wenn einmal entzunden, nicht mehr aufzuhalten war – und schon gar nicht von no-name-produkten – schauten wir uns nur kurz an und bezahlten sogleich.
La la la la la, la la la la la
La la la la la, la la la la la
La la la la la, la la la la la
I’ll be with you,
you’ll never be lonely
song zum text:
Never Be Lonely – GIGI D’AGOSTINO, VIZE, EMOTIK (2021)🔗
schnell merkte ich, dass das frisch geschlüpfte tierchen tatsächlich sehr realitätsgetreu einem heranwachsendem küken nachempfunden war. füttern, spielen, motzen und wieder von vorne.
ich hatte mir das irgendwie entspannter vorgestellt. innerlich wusste ich bald gar nicht mehr, wie ich zu meinem tama stand. nach außen hin kümmerte ich mich weiter darum.
eines morgens läutete mein wecker nicht. ich rannte 10 minuten, bevor der zug richtung schule abfuhr, in den klamotten vom vortag zum bahnhof und ließ mich gerade erleichtert auf die sitzbank fallen, als mir abermals der schweiß aufsteigen sollte: ich hatte das tama in meinem zimmer liegen lassen!!!
während des ganztägigen unterrichts versuchte ich mich immer wieder zu beruhigen; die schuldgefühle zu verdrängen; mir nicht im detail auszumalen, wie es am nachttisch hungrig herumpiepste.
als ich später, wieder daheim, auf das display schaute, war die grausamste aller realitäten wirklich wahr geworden: das tama hatte zwei kreuze über den augen – und sie waren mit keinem der drei knöpfe wieder wegzukriegen.
ich glaube, genau an diesem punkt unterschieden sich die fakemodelle dann doch sehr vom original. einen reset-button gab es bei meinem tamagotchi nämlich nicht.