GELESEN
Warum wir unser Leben lang Grenzen setzen müssen (und das eigentlich ganz schön ist)
Nedra Glover Tawwab
Therapeutin, Bestsellerautorin, Expertin für Beziehungen und Grenzen
In dieser Reihe reflektiere ich über Gelesenes, Gesehenes und Gehörtes, das mein Leben nach der Pandemie bereichern könnte. (Oder bereits währenddessen.)
In diesem dritten Text beschäftige ich mich mit dem Thema Grenzen. Ich erzähle über das sehr empfehlenswerte Sachbuch „Set Boundaries, Find Peace“ von Nedra Tawwab (das u.a. auch auf Deutsch erhältlich ist) und berichte im Anschluss über 3 Learnings, die ich für mich aus der Lektüre gezogen habe
Den ersten Insta-Slide von Nedra Glover Tawwab hat mir mein Freund Stefan geschickt. Ich weiß nicht mehr, welcher es genau gewesen ist, aber mir ist gleich die angenehme Klarheit aufgefallen, man könnte schon fast sagen: Nüchternheit, mit der die amerikanische Therapeutin auf Instagram ihre hilfreichen Tipps formuliert. Kein Wort dabei zu viel, keines zu wenig.
Ich habe ihren Kanal sofort abonniert (so wie mittlerweile 1,4 Millionen andere Menschen) und bald darauf auch das Erstlingswerk „Set Boundaries, Find Peace: A guide to reclaiming yourself“ (oder auf Deutsch: „Grenzen machen uns frei. Ein Wegweiser sich selbst treu zu bleiben“) gelesen, welches ich heute empfehlen möchte.
Worum geht es konkret im Buch?
Vereinfacht gesagt, geht die Autorin davon aus, dass die meisten Probleme mit anderen Menschen, die wir in unserem Alltag erleben, auf zu wenig kommunizierte und durchgehaltene Grenzen zurückzuführen sind. Wir brauchen diese Limits aber, so Nedra Tawwab, einerseits eben mit anderen, andererseits aber auch mit uns selbst.
Neben theoretischen Impulsen liefert das Buch vor allem praktische Anregungen zum Thema Grenzen (mit teilweise wortwörtlichen Skripten) für die wichtigsten Lebensbereiche wie Familie, Romantische Beziehungen, Freundschaften, Arbeit, Social Media und Technik.
Dabei scheut die Beziehungs-Expertin nicht vor persönlichen Beispielen aus ihrem Leben zurück und erzählt unter anderem davon, wie es ihr einmal zu Collegezeiten erging, als sie es nicht schaffte, jemanden nach ein paar Dates zu sagen, dass sie die Person nicht mehr treffen wolle. Aufrichtig und dabei wiederum angenehm auf den Punkt fließen neben diesen eigenen „Versäumnissen“ und Lernprozessen außerdem anonymisierte Erfahrungen aus den Leben ihrer Patient_innen mit ein.
Gelesen-Fazit: Mit der Spezialisierung auf das Thema Grenzen – auf Englisch: Boundaries – hat Nedra Tawwab definitiv einen Nerv getroffen. Beim Lesen wird schnell klar: Grenzen festzustellen, zu kommunizieren und vor allem auch aufrecht zu erhalten, ist unsere Aufgabe. Ungeachtet möglicherweise negativer Reaktionen anderer.
Die gute Nachricht?
Gesündere Grenzen sind, laut der Autorin, Übungssache und werden mit der Zeit klarer und klarer.
Für wen? Eine große Empfehlung für Perfektionist_innen 🤝, People-Pleaser 🤝 und alle anderen, die sich die eigenen Grenzen bewusster machen möchten

eingerahmt @nedratawwab
4 Probleme, die Menschen beim „Grenzen setzen“ haben
1. Die Angst, die Gefühle von anderen zu verletzen
2. Personen zu gefallen ist wichtiger als sich selbst zu gefallen
3. Angst vor zukünftigen Interaktionen, nachdem man eine Grenze gezogen hat
4. Der Glaube, nicht das Recht zu haben, sich gegen andere zu behaupten/ durchzusetzen
3 Learnings, die ich beim Reflektieren
meiner Grenzen hatte:
Nett oder nicht nett? Das ist hier nicht die Frage
Beim Lesen von Nedra Tawwabs Lektüre musste ich ganz viel darüber nachdenken, warum es so schwer sein kann, überhaupt erstmal damit zu beginnen, gegenüber seinen Mitmenschen häufiger Grenzen zu ziehen.
Ich bin im Zuge dieser Überlegungen schnell beim Begriff Nettigkeit angekommen und habe gemerkt, dass ich Grenzen zu setzen an sich wirklich lange Zeit einfach als „nicht nett“ eingestuft habe.
Anderen meine Grenzen aufzuzeigen, empfand ich sozusagen als unfreundlich.
Ein bisschen so wie bei dem Ausspruch „Der_Die Klügere gibt nach“ dachte ich: „Der_Die Nettere gibt auch nach“. Im Sinne von: „Nette Leute nehmen sich nicht wichtiger als andere und brauchen daher keine großen Grenzen“.
Dabei ist es genau umgekehrt – denke ich mittlerweile. Seine Bedürfnisse zu äußern oder etwas zu wollen oder nicht zu wollen, ist nicht „unfreundlich“, „unbescheiden“ oder „komisch“, sondern so zu tun als hätte man gar keine Bedürfnisse, ist eigentlich das viel unangebrachtere Verhalten.
Oft auch unfairere. Ich habe an mir gemerkt, dass zu langes Zurückstecken meist nur zu aufgestauten Dämmen führt, die dann gerne recht plötzlich überlaufen.
Learning Nr.1: Grenzen sind weder nett noch nicht nett. Grenzen sind essentielle Richtlinien für ein selbstbestimmtes Leben und ein schönes Miteinander
Einmal Grenzen, immer Grenzen – aber anders
Ich muss zugeben, ich hatte mir das anfangs anders vorgestellt. Ich dachte, ich würde schnell ein paar „Boundaries-Basics“ lernen und dann wäre ich auch wieder „fertig“ mit dem Thema Grenzen.
So, als ob man Grenzen nur einmal definieren müsste und ab dann läuft eine Art Standardprogramm, mit dem für alle jederzeit klar ist, was gerade Sache ist.
Damit mittlerweile abgefunden, dass dieser introvert dream nicht so schnell wahr werden wird, lerne ich jetzt das Grenzen setzen eher wie Zähne putzen funktioniert. Oder wie Essen und Trinken. Also wie tägliche Maßnahmen, die zur Selbsterhaltung dienen.
Ich habe gemerkt: Genauso wie ich mir für die körperliche Gesundheit morgens und abends automatisch die Zähne putze oder mehrmals am Tag eine Mahlzeit organisiere, tut es mir auf Dauer gut und erspart mir spätere Probleme, wenn ich aufmerksam bleibe und mich überwinde, meine Grenzen ebenfalls mehrmals täglich zu reflektieren. (Und natürlich bestenfalls auch gleich zu kommunizieren und einzuhalten.)
Learning Nr.2: Grenzen zu setzen ist ein täglicher Job. Mit einmal ist es nicht getan und das ist okay
Grenzen gefallen nicht allen
Gerade, dank vorhandenen People-Pleaser-Tendenzen, ist der Punkt, Grenzen zu setzen, ohne an die Wünsche anderer zu denken, oft noch schwer für mich durchzuhalten.
Die Tatsache, dass es keine andere Wahl gibt, außer eben die, sich selbst zu wählen und auf das eigene Wohlbefinden zu schauen, egal wie andere Personen darauf reagieren könnten, bereitet mir teilweise noch Unbehagen – obwohl ich davon überzeugt bin, dass ein gutes Miteinander nur mit transparenten Grenzen funktionieren kann.
Andere können und sollen ja nicht für das eigene Wohlbefinden verantwortlich sein.
Auch vor Corona hatte ich öfter Probleme damit, die für mich als introvertierte Person richtigen Socialising-Grenzen zu finden, mit denen es mir noch gut ging.
Die Anzahl der Treffen mit anderen hat sich aus Sorge vor Covid jetzt nochmal verringert, aber auch hier habe ich für mich das momentane Fazit gezogen, dass das derzeit okay ist, so wie es ist.
Es wird erstens wieder mal anders sein und zweitens gibt es Lösungsmöglichkeiten für die Zwischenzeit wie zB. digitale Kommunikation. Und selbst wenn dieser Kompromiss gerade auch nicht so gut passen sollte, versuche ich mich daran zu erinnern, neutraler auf die Thematik zu schauen.
Anzuerkennen, dass hier erstmal eine Pattsituation besteht – aufgrund unterschiedlicher Bedürfnisse, die aufeinander treffen – aber niemand deswegen „Der_Die Böse“ ist. Auch man selbst nicht.
Learning Nr.3: Manche Personen beziehen Grenzen direkt auf sich oder sind enttäuscht und verärgert darüber, weil sie sich ein anderes Ergebnis gewünscht haben – und man kann erstmal nichts dagegen tun (und man sollte, laut Nedra Tawwab, auch nichts dagegen tun).
Zum Abschluss noch ein Reminder, falls die Grenzen mal wieder nicht so leicht von der Hand gehen wollen:
GELESEN
Set Boundaries, Find Peace: A guide to reclaiming yourself by Nedra Glover Tawwab (2021)
Grenzen machen uns frei. Ein Wegweiser sich selbst treu zu bleiben von Nedra Glover Tawwab (2021)
Mittlerweile (Stand: 22.2.2022) gibt es 33 Übersetzungen des Buches.